Gießner I & II – Prosafragmente

I.
Gießner schlug die Straße ins Gesicht. Wenn ich mich jetzt rühre! Aus Scham schrieb er seit vielen Jahren Worte nur noch klein, trug keinen Hut mehr und doch schwer an seiner Last. In Betten schlief er, weich, dass er darin versank; sann tiefer sich an einen Ort, von Höhen schwer umbaut, ihn gänzlich zu verbergen. Lukte er hinaus auf menschenleere Gassen, wünschte er sich, Alles zu sein. Ein mäandernder Strom, sich entgrenzend, kernlos, schwer. Das All und das Gesetz. Gießner aber war leicht. Nichts Schweres war an ihm, nichts zeichnete Konturen, unbeschreiblich formlos stand sein Leben. Kaum ein Sein war er, kaum Werden. Er stand auf dieser Erde und gebar nichts, er stand auf dieser Erde und nichts fiel ihm zu. Ursprungslos stiegen Zeiten und Gedanken um ihn auf, verwoben sich mit ihm, enthüllten ihm die Augen und ließen ihn zurück. Und es griff nach ihm die Nacht, und da entbrannte in ihm ein sterbender Himmel.
II .
Gießner litt an Entrückungen. Er sah sich plötzlich konfrontiert mit einer Welt, die er nie sah und die er nicht ahnte. Dolores, die viel Dvorak hörte und wenig auf Gesellschaft gab, liebte ihn sehr – und doch so unmerklich. Es ging stets nur ein Hauch zu ihm herüber, eine Ahnung davon, wie wichtig sie sich beide waren. Nach einigen Jahren strangulierte sie sich; und obgleich es ihn für immer tief erschüttert zurückließ, beeindruckte ihn der Wille zu sterben, den dieser Tod dem An-sich-Leidenden abforderte. “Komm, nimm meines. Ein Leben reicht nicht aus.” Gießner wendete den kleinen Zettel langsam im Licht, faltete und entfaltete ihn wieder; wie ein Schmetterling hockten die letzten Worte dieser einzigen Liebe auf seinen Fingern, ganz ruhig bewegten sie die Flügel. Kein Gefühl einer verpassten Chance, kein Gefühl einer fernen Verfehlung. Er legte den Zettel auf die schwere Kommode, betrachtete sich einige Sekunden im Spiegel. Er ging hinaus und lief einen Tag lang den Weg ab, den er immer ging, wenn der Boden unter ihm anfing zu wanken und der Himmel sich wie eine eiserne Kuppel über ihm schloss.
S.
Und immer bist du mir / in meinem Kopf zuvor. / Und stehst schon dort / wo ich zu Ruhen ging, / und lächelst und transpirierst/ transluzente Worte- / wie eine Tagcloud / All die edlen weisen Worte/ vor dich hin.
Alles gegenwärtig. Oder?
Es ist so vieles passiert und ich habe so lang nicht geschrieben, dass es mir unmöglich scheint, diese Zettelwirtschaft an Ereignissen in irgendeine sinnvolle Ordnung zu bringen. Ich starre auf meinen Terminplaner, der zwar Daten in Erinnerung ruft und auf einem Zeitstrahl strukturiert, aber das Entscheidende bleibt wage: was habe ich erlebt?
Und gleich blitzt da die phänomenale Erkenntnis auf, wirklich und wahrhaftig gelebt zu haben. Hochs und Tiefs, die für drei Jahre reichen, fielen in drei Monate. Ich habe Erfahrungen gesammelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Seit Jahresbeginn ist alles so grenzüberschreitend (im wortwörtlichen wie übertragenen Sinne) und horizonterweiternd, dass ich endlich merke: es geht etwas vorwärts.
Die letzten durchweg hervorragenden Prüfungsnoten im Wahlbereich versichern mir, dass die Entscheidung, im Oktober nocheinmal grundständig Geschichte zu studieren, vollkommen richtig ist und ich bin nun in der Lage, mit den verschiedensten Bauwerkzeugen (bevorzugt schwer und laut) umzugehen.
[Ein Tag später]
Gestern hielt es mich nicht mehr. Ich besuche gerade über das “verlängerte” Wochenende das Berchtesgadener Land und meine Mutter. Zwei Tage lang leistete ich ihr Gesellschaft und besah die Gipfel nur sehnsüchtig von unten. Letztes Jahr kam ich wegen all der Arbeit nicht ein einziges Mal ins Gebirge!
Nun wurde es Mittag und ich schnürte die Laufschuhe, stellte den MP3 Player auf Zufallswiedergabe und rannte los. Zunächst 10 km teilweise querfeldein zwischen Berchtesgaden und dem Königssee und schließlich musste eine neuerliche Eroberung stattfinden: einen Gipfel im wahrsten Sinne des Wortes stürmen. Schweiß, Sonne, beschwerliche Steigung. Nur ein Viertel des Weges (insgesamt 3 km und 700 positive Höhenmeter) konnte ich tatsächlich laufen, mehrheitlich musste ich gehen, da es einfach zu steil war. Doch was für eine Erfahrung! Nicht wie sonst mit Stöcken, Rucksack, Proviant, Wanderschuhen zu gehen – sondern einzig mit der Kraft, die in einem steckt, mit den Ressourcen, die einem von Haus aus zur Verfügung stehen. Und Wasser gibt es im Gebirgsbach.
Und oben angekommen: das Watzmannmassiv – schneebedeckt. Der riesige Königssee – nur eine Miniatur am Fuße des Berges. Dann lief ich über die Südseite wieder ab und musste mich fühlen wie in einer Outdoor-Werbung. Adrenalin, Lebensfreude, ein ungekanntes Gefühl von Freiheit. Spränge ich Fallschirm wäre da diese Einschränkung: es ist eine Gerätschaft, die dich trägt. Was trug mich hier? Nur ich!
Nach drei Stunden endete mein Abenteuer. Heute: Muskelkater und Stolz.
Die Eroberung
Als ich mit meinem Vater auf einem Feld vor den Toren meiner vogtländischen Heimatstadt halte, fragt er mich, was ich eigentlich für Gefühle habe, wenn ich an Reichenbach denke. Ich schweige lang und muss mich auskundschaften. Wenn etwas selbstverständlich ist, verliert man zuweilen den Bezug dazu. “Eine Mischung aus Ekel und Heimat.”, besseres weiß ich nicht zu antworten. Und selbst das ist gelogen.
Da ich meine Lebenszeit relativ gleich verteilt an drei verschiedenen Orten verbringe (Reichenbach, Leipzig, Berchtesgaden), gibt es für mich keine echte Heimat, sondern nur Menschen, die mir an den jeweiligen Orten wichtig sind. Den drei Plätzen selbst kann man leicht Positives abgewinnen; in Jena fiel mir das bedeutend schwerer (bzw. gelang es mir nicht, aber dort waren auch keine Menschen).
Ich fühle mich sofort dann heimisch, wenn ich eine Stadt erobern kann, sie mir aneignen – und das allein dadurch, sie zu durchstreifen. Ohne Zeitdruck und Zwang sich einfach treiben lassen.
Was ist nun der nächste Schritt? Im Zauberberg steht, dass sich mit einer Reise nicht nur die reine Distanz zwischen zwei Orte legt, sondern sich Welten auftun, man sich gänzlich der Heimat entfernen und entfremden kann. Wie wäre es, diese Distanzen auch physisch erfahrbar zu machen? Indem man nicht das Auto oder den Zug nimmt, sondern zu Fuß geht? Das Rad benutzt?
Ich habe mir vorgenommen, die Strecke zwischen dem Vogtland und Leipzig nur noch radfahrend zurückzulegen. Dann verschmelzen die Orte meines Lebens nicht nur in meiner emotionalen Verfasstheit, sondern auch ganz und gar im Raum. Es wäre kein Schnitt mehr: an einem Ort in den Zug steigen, sich transportieren lassen (und daherträumen), am anderen Ort aussteigen.
Wieso nicht jede Distanz mit reiner Muskelkraft zurücklegen? Spätestens dann ist ALLES Heimat.
Schon jetzt schrumpfen in meiner Vorstellung und meinem tatsächlichen Erleben die Distanzen zusammen. 17 km? Sind mit den Füßen problem- und schmerzlos in weniger als zwei Stunden zurückgelegt. Radfahren zum Schwarzen Meer? Gern!
Es ist alles so simpel, es ist alles eroberbar. Europa in seiner kauzigen Traditionsvielfalt erscheint wie ein Süßwarengeschäft, aus dem man sich nur bedienen muss.
Dann bleibt statt Heimat nur ein Startpunkt, an dem man die Distanzen misst, die einen nicht nur weit weg, sondern vor allen Dingen voran bringen.
Sudo Reboot
Turn around, calm down and see
those glowing ashes burning thee.
Mouths and screams
filled up on
bones and skins of those
who swallowed me.
You stumble over sliver ruins
and cut your feet on sliver seas
that still got all that powder on ‘em
that noone gives for free.
Sell your dull heart to the markets,
the brokers give recovery.
All in all it beats much faster
than it ever did for me.
And burns in someone elses chest
it breaths and heals
and starts to see.
And I will love the next one better
Say goodbye and set me free.
Interlude
G. lief am Pfingstmontagmorgen mit unbestimmten Gefühlen dem Nachbardorfe zu. Die schweren Bilder der letzten Nacht, der plötzliche Nichtdaseinsdurst und die fremde Literatur entließen ihn sehr früh in den Tag, als zwar die Vögel schon sangen, der Himmel jedoch noch immer dunkel war. Der Spuk, der sich ihm im Halbschlaf offenbarte: der Gewitterhagel, der ihn in die Schutzhütte trieb; der tote Vater, die ihm ins Gesicht lachte, als er schoss; der Welpenwurf, der starb, weil er den Weg nicht mehr fand; das Kind, dass beim Spielen abstürzt; die vielen alten Frauen, die ihm folgten; das Bernsteinherz der Erde, das die Bergleute behauten. Er verstand nicht und lief.
Letzten Sonntag…
Wir schlendern über den Südfriedhof und fangen eidechsengleich die ersten Sonnenstrahlen seit Tagen auf. Dass wir nun hier stehen, war so nicht geplant. Da mir plötzlich auf dem Dorf die niedrige Decke des uralten Hauses aus ungeklärten Gründen auf den Kopf zu fallen drohte, regte ich bei A. einen Ausflug in die Stadt an. Sie, ebenso wenig angetan vom baulichen Treiben im oberen Stockwerk, hatte noch ein repräsentatives Foto von Leipzig zu machen und so rasten wir unversehens auf der Autobahn dem Leipziger Südosten entgegen.
Es gibt nicht wenige Tage, da empfinde ich mich selbst als merkwürdig distanziert. Wenn man sich sprechen hört und denkt: “Oh Hilfe, hör auf so lakonisch daherzureden!”, und sich vornimmt, emphatischer zu sein; einfach, weil man emphatischer empfindet, als man sich ausdrückt. Doch es will und will ums Verrecken nicht gelingen. Und so geht die Sprache auch ins Nonverbale über und man läuft bedeutungsschwer dreinschauend, mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen, sehr bedächtig und unnahbar durch den kalten Februarnachmittag.
Gut, dass das A. anscheinend gelegen kommt. Wir besprechen dies und das, kommentieren die Handlungen und Bilder, die an uns vorbeiziehen, und beschließen, die sechs bzw. vier Euro für die Aussichtsplattform des Völkerschlachtdenkmals einzusparen und stattdessen den anliegenden Südfriedhof zu besuchen.
Das Spartanische im Gemüt ist durchaus passend für einen solchen Ort. Wenn auch die Friedhofsausstattung mehrheitlich mystisch, nicht-eschatologisch und angestrengt traurig daherkommt, empfinde ich keine Schwere. Warum auch? Ein Friedhof ist für die Lebenden gemacht. Und in den Gräbern liegen für sie alle Ängste vor der Welt und dem Tod, vor sich selbst und der Ungewissheit, was danach kommt. Und wieder ärgere ich mich, dass ich die Lebenden denke und nicht Ich, Du, Wir. Als hätte ich irgendeine Ahnung!
Während wir die verworrenen Wege der Abteilungen I-III ablaufen, erzähle ich A., dass ich, wenn man mich schon unbedingt auf einem Friedhof verscharren will, ich doch bitte unter einer Kiefer begraben liegen möchte. (Ich weiß noch, wann ich mich verliebt habe. Ich saß in der Provence auf einer terracottafarben gefliesten Terrasse. Die gerade untergegangene Sonne hinterließ ein spätabendliches Himmelsblau, das ich noch nie sah, und der warme Wind ließ die pechschwarzen Kiefern vorm Hoizont ganz sanft tanzen.)
Der Südfriedhof überrascht mich positiv. Die “wilde” Natur, die mehrheitlich “frei” angelegten Gräber, manche ganz versteckt unter Bäumen und Gebüsch, das Chaotische. Das kommt dem Leben viel näher als dem Tod und wirkt versöhnlich. Wir schlendern umher und bleiben in den warmen Sonnenstrahlen stehen.
Irgendwann schaue ich einen wildwüchsigen Einschlag entlang. Hinten steht ein steinernes Kreuz und rechts ein vereinzelter Grabstein. “Das ist ein schöner Platz.”, sage ich. Und meine es von ganzem Herzen so. Braunes Laub liegt herum.
“Ein wirklich schöner Platz.”
Wir stehen da und schauen. Dann blicke ich nach oben. Wir stehen unter einer riesigen Kiefer.
Ka Zeit net
Wenn einen das Leben ganz plötzlich positiv ausfüllt, anstatt einen von einem shitstorm in den nächsten zu jagen (oder es immer noch tut, es einem aber egal ist), kommt man nur zu fünf Stunden Schlaf die Nacht und muss sich wundern, dass das vollkommen ausreichend ist. Was hat man nur all sei’ Lebtag’ zamgeschlafen! Und nüschd gemacht! Nur gepennt! Zehn, zwölf Stunden! Und dann nüschd draus gemacht! Wie denn auch – was soll man in 12 h Tag schon machen?! Das reicht bei den meisten gerade zum Kacken und Fernsehen gucken.
Worauf ich aber eigentlich hinauswill, ist die Triebfeder des Handels: die Verschiedenartigkeit der Beschäftigung. Sechzig Seiten Wirtschaftsgeschichte tippen, einen Kabelkanal mit Schlaghammer stemmen, Zeitung lesen, 15km laufen, stundenlang videotelefonieren, eine Wand einreißen, dämliche und kluge Diskussionen führen…
Ach, was auch immer ich eigentlich sagen will – ich muss jetzt Elektrik verlegen. Adios.
Fremde, goldene Federn
Gerhard Gundermann
Hier bin ich geboren
Hier bin ich geborn,
wo die Kühe mager sind wie das Glück.
Hier hab ich meine Liebe verlorn
und hier kriege ich sie wieder zurück.
Hier liegt mein Vater unter der Erde,
meine Mutter liegt auf`m Balkon.
Hier frisst mir eine Kinderherde die letzten Haare vom Ballon.
Hier sind wir alle noch Brüder und Schwestern,
hier sind die Nullen ganz unter sich.
Hier `isses heute nicht besser als gestern
und ein Morgen gibt es hier nicht.
Hier hab ich meine letzten Freunde beleidigt,
harte Herzen zu Butter getanzt.
Hier hab ich Junge Pioniere vereidigt
und Weihnachtsbäume gepflanzt.
Hier habe ich meine Leichen im Keller,
die spielen Mensch ärger dich nicht.
Hier krieg ich immer nur` n halbvollen Teller
an einem runden Tisch.
Hier gab es billigen Fusel auf Marken
und genauso sehn wir heute auch aus.
Hier lässt man Fremde nicht gerne parken,
es sei denn sie geben einen aus.
Hier drehe ich meine Kreise wie ein fest verankertes Schiff,
hier führt mich meine Reise nicht weit aber tief.
Hier bin ich geborn
so wie ins Wasser fiel der Stein.
Hier hat mich mein Gott verlorn
und hier holt er mich wieder ein.
Globales Dorf
Die Kommunikationsrevolution 3.0 (nach dem Buchdruck und der Eisenbahn) beschert einem wirklich amüsante Abende. Gestern durfte ich eine Kläranlage in Groß-Enzersdorf besichtigen, ohne dafür von meinem Schreibtisch aufzustehen oder meinen Papierhut, gefaltet aus dem Feuilleton – zu mehr war das diesmal nicht zu gebrauchen – absetzen zu müssen Würde Groß-Enzersdorf ein verschlafenes Dorf im Leipziger Land sein, wäre das nicht allzu spektakulär, doch dieses Städtchen ist ein Vorort Wiens. Und dass da sehr viel Scheiße produziert wird, wissen wir spätestens seit hasserfüllten Interviews mit Thomas Bernhard („Neuhaus is an oanz’ges Schaaßhaaus und Wiaan is a an oanz’ges Schaaßhaus!“). Im übrigen bringt mich das auf ein Video, das ich neulich sehen durfte, in dem es hieß: „Mehr noch als den deutschen Touristen hasst der Österreicher österreichische Künstler.“
Als nun jedenfalls Schichtwechsel stattfand, schaltete A. sein Skype an, um einerseits für mich zu tanzen, und um mir andererseits den Prozess des Klärens diverser Ausscheidungsabfälle mittels einer kommentierten Führung zu erklären. Da er das in Österreichisch mit starkem Wiener Einschlag tat, war das natürlich äußerst charmant, man mag es kaum glauben. Da wird Scheiße sprichtwörtlich zu Gold (drei schlechte Witze hat jeder am Tag frei).
Ein Hoch dem Funknetzausbau! Das Streamen von Videos samst Ton ist unter HSDPA kein Problem und der Ausbau in ländlichen Regionen weit vorangetrieben. Mittlerweile gibt es auf der Zugstrecke Leipzig – Reichenbach keinen Netzabbruch mehr (dabei hatte man bis vor einem Jahr im Burgenland nicht einmal Radioempfang mit dem Handy) und auch am Königssee leuchtet der Surfstick hellblau, wo man vor einem Jahr noch mit GPRS durchs Netz kroch. Ein Lob der Bundesnetzagentur – wenn man das auch viel früher hätte erledigen können. Fehlen uns nur noch diese Spottpreise für Telefon und Internet, wie sie in Österreich vorzufinden sind.
Ohne Titel
K. erzählt mir alles, zwei Sekunden nachdem wir uns kennengelernt haben. Wir reden belangloses Blabla, ich echauffiere mich über das Bildungssystem, Verständnis für ihren schulischen Kampf suggerierend, betrieb also im Ganzen nur mühlseelige Konversation, als sie ganz beiläufig, in Wahrheit natürlich wohlgesetzt, ein fabelhaftes Trümmerwerk eines Lebens präsentierte, dem entronnen zu sein ihr einigen Stolz einverleibte. Oder vielleicht vielmehr die Reaktionen der mit Privatem besudelten Zuhörer, die sicher vielmals leidvoll aufschrien und tätschelten, als wüssten sie nicht, dass Menschen und Tiere und Pflanzen und überhaupt alles tatsächlich stürbe.
Und ich denke derweil daran, wie schrecklich die Texte der Jazz Songs heute morgen im Radio waren und wie wahnsinnig gut Arcade Fire sind. Und dass ich vorhin in meinen eigenen Lachtränen ertrunken bin.
Und dann geschieht es ganz plötzlich wieder: “Manchmal rauscht es: wenn du zerbrochen bist.”
Nur einen Seelenwurf weiter (und was ist schon ein Seelenwurf – nichts als Überwindung) und ich stehe endlich da, wo ich Heimat erwarte. Kennst du das, wenn man manisch lebt? Unfähig zu reflektieren, was du tust, welche Folgen dein Handeln hat? Wenn alles Impuls ist und dich nichts befriedigt, weil Befriedigung sich nur einstellt, wenn man das Erlebte in den Kontext zum Vorher setzen kann. Wenn man manisch ist und denkt: nun setze ich mich hin und überlege genau, was ich die letzte Woche getan habe. Nach wenigen Sekunden scheitert das. Du bist der Puls der Zeit, du bist ein Strömen und Vergehen, du beschleunigst auf Lichtgeschwindigkeit und rast vor dir her, bis der Impetus erlischt, du von dir selbst überholt wirst und deinem Leben hinterherschleichst. Dann wirst du müde, alles entfernt sich so schnell, du kannst nicht folgen, wenn du doch nur schlafen willst, wenn du doch nur schlafen sollst, wenn du doch nur schlafen musst. Wenn alle Gedanken Schlaf sind und du nachts nicht schlafen kannst, so sehr willst du schlafen. Und dann weiß man nicht so recht, ob man an Daseinsdurst oder Nichtdaseinsdurst leidet.
Irgendwann normalisiert sich das wieder und man geht nicht zum Seminar, sondern lässt in dem Brunnen vor dem Gewandhaus ein Papierboot fahren. Und denkt mit Erstaunen über diese Absurdität nach: Ein Eremit, der in den Wald geht, aber dem alle möglichen Menschen folgen, weil sie ihn für besonders weise halten.


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