Postalpinpsychotisch

Foto: Susann Martin

 

Heute war der Tag sehr zäh, denn als ich meine Augen aufschlug, dröhnte mein Kopf. Mein ausgetrocknetes, angeschwollenes Gehirn rieb an meinen Schädelplatten. Meine Augen waren verkrustet, mein Atem übel und als ich meinen Leib aus dem Bett wuchtete, flog ich beinahe sofort auf die Fresse. Vermutlich habe ich dann geduscht, denn ich dusche jeden Morgen. Aber erinnern kann ich mich daran nicht. Ich habe mir Brote geschmiert, was ich nie mache. Und sie dann vergessen und liegen gelassen. Dabei war Blutwurst drauf und das gibt es sehr selten.

Mit geschlossenen Augen fuhr ich mein Rad auf Arbeit. Dort saß ich dann über 8 Stunden lang und bearbeitete Inkassoforderungen an Airlines. Das ist eine dankbare Aufgabe, weil in den Briefen keiner jammert und ich mich für nichts entschuldigen muss. Außerdem ist diese Aufgabe furchtbar monoton und auf Arbeit kann nichts besser sein, als eintönige Ödnis. Außerdem ist das selbst auferlegte Leid des Sachbearbeiters umso inszenierter und schöner desto unkreativer die Aufgabe ist. In der Pause aß ich einen Krautwickel und nach der Pause stieß ich davon stundenlang auf. Ich verfiel den ganzen Tag wieder in russischen Akzent. Dabei ist mir eingefallen, dass ich angeheiratete Verwandtschaft aus Kirgistan habe. Kirgistan ist riesig und heißt irgendwie auch Kirgisien. Wahrscheinlich je russischer, desto mehr Kirgisien. Ich frage mich, wieso ich mich mit dieser Verwandtschaft niemals über Kirgisien unterhalte. Immerhin ist dieses Land von unbeschreiblicher Schönheit. Mit Zentralasien hat diese Verwandschaft aber nichts zu tun, sie sind durch und durch Russen. Ich weiß nicht einmal aus welcher Gegend sie genau stammen. Ich nehme mir vor, das nächste Mal zu fragen.

Irgendwann gegen Feierabend begann es stark zu regnen. Ich stand unten im Eingang und wartete das Ende des Schauers ab. Nach dreißig Minuten ging ich wieder hoch ins Büro und fragte meine Chefin nach einem Regenschirm. Dieser Schirm war von ausnehmender Unfunktionalität. Er war sehr rund gebaut und bot daher kaum in die breite Schutz. Ich habe mich über diesen Regenschirm geärgert. Oder vielmehr über die Entwickler dieses unsinnigen Schutzmöbels. Das Fahrrad ließ ich an der Arbeit stehen. Nach 15 Minuten hat es aufgehört zu regnen, ich hab den Schirm wieder zurückgebracht und bin doch gefahren.

 

 

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Fotografie

Foto: Susann Martin

Neulich bin ich auf Hüttentour im Berchtesgadener Land gewesen. Ich habe den 50 Liter Rucksack nicht gewogen, bevor ich das Haus verlassen habe. Aber ich habe mein aufgebahrtes Equipment fotografiert. Auf dem Fliesentisch aufgebahrtes Equipment, das zu einem guten Drittel aus Fotografie-Dingen bestand. Vier Objektive, ein großes Stativ, 3 Akkus, eine schwere Powerbank. Ich bin eine heillose Romantikerin, was Fotografie angeht. Wenn ich rausgehe, um etwas zu fotografieren, komme ich oft ohne ein einziges Bild zurück, weil ich kein Motiv gefunden habe. Wer behauptet, es gäbe immer ein Motiv, hat keine Ahnung.

Ich schleppe auch ein Filtersystem mit mir rum. Das sind 82 mm breite Verlaufs-  und Graufilter, die ich in einen Filterhalter stecke, den ich wiederum vorher auf das Objektiv geschraubt habe. Weil ich keinen Polfilter für den Filterhalter habe, muss ich erst den Polfilter einstellen und den dann akkurat festhalten, wenn ich den Halterungsring für das Filtersystem wiederum auf den Polfilter schraube. Bei einem Ultraweitwinkelobjektiv macht das am unteren Ende der Brennweite eine gigantische Vignette. Und nicht nur das. Man sieht die Kanten des Filtersystems. Also zoome ich von 11 mm auf 15 mm. Dann sieht man das nicht mehr. Hätte ich ein 100mm breites Filtersystem von Lee, würde das wahrscheinlich nicht passieren. Aber weil ich noch nicht alle Schrauben und auch keine 700 Euro locker habe, besitze ich kein Lee Filtersystem für meine amateurhafte Hobbyfotografie.

All dieses Equipment jedenfalls trägt der Tatsache Rechnung, dass ich eine heillose Romantikerin in Sachen Fotografie bin. Ich möchte schon in der Kamera das nahest mögliche Endergebnis sehen. Ich möchte mit 10-Stop-Filtern der Lauf der Wolken am Himmel gezeichnet sehen. Ich will, dass Wasser ein geisterartiges Dasein fristet. Dass alles starr ist und doch in Bewegung. Ich will die Unterschiede zwischen solide und fragil betonen, den Gegensatz von Zeit und Stillstand. Und deswegen schleppe ich Stativ, Filter, Fernauslöser auf 2000 m Höhe. Neben den ganzen Nebensächlichkeiten einer solchen Reise wie Kleidung und ein paar Kekse.

Es ist wunderschön dort oben. Und es ist so unglaublich befriedigend, wenn man ganz allein ist und doch niemals einsam, weil man seine Kamera dabei hat. Weil man Dinge anders sieht, anders bewertet, anders erleben kann. Weil man nach einem schönen Foto in die Luft springen könnte, weil man grinsen muss. Und weil man sich mit dem Stativ zwei Stunden irgendwo hinsetzt und einfach nur zuschaut, was die Natur tut. Und ab und zu auf den Auslöser drückt.

Foto: Susann Martin

Juristische Hypefinessen

Es gibt ja wenig, worüber sich Menschen mehr lustig machen, als über Juristen. Allerdings ist unser Gesellschaftsklima derart emotional geworden, dass eine nüchterne Betrachtungsweise der Dinge angebracht wäre. Gut, Reichsbürgern brauche ich nicht mit meinem Glauben an den Rechtsstaat zu kommen. Aber Tatsache ist, dass in mir das Bedürfnis schlummert Jurist zu werden.

Das kommt jetzt auch nicht von Ungefähr. Seit einem Jahr wache ich über die Einhaltung von Arbeitszeitgesetzen und dem Betriebsverfassungsgesetz. Wo andere bei deutschen Gesetzestexten das große Kotzen kriegen, blühe ich auf. Die Arbeit des Historikers und des Juristen sind ja auch gar nicht so grundverschieden – da liegt es nahe, dass man für das andere Fach Sympathien hegt. Andererseits kenne ich auch meine sprunghaften Begeisterungsstürme. Alles, woran ich Gefallen finde, verfolge ich zunächst sehr hysterisch und bald schon interessiert es mich nicht mehr. Aber das macht nichts.

Das Leben ist hysterisches Vergessen.

Von der Hysterie hochbegabter Eltern

Neulich hat mich mein Vater, der mit über 50 Jahren und seiner dritten Frau nochmal ein Kind gezeugt hat, aufgeregt angerufen und davon gesprochen, dass ich für meinen unsteten Leben- und Bildungsweg ja zu guterletzt gar nichts könne. Er habe einen entscheidenen Fehler gemacht, indem er meine Hochbegabung nicht erkannt und mich meinem trüben Schiksal einfach so überlassen habe. Wie er denn darauf komme, wollte ich wissen.
Seiner kleinen Tochter sei bei der letzten Routineuntersuchung vor der Einschulung eine überdurchschnittliche Intelligenz und Entwicklung attestiert wurden (der Wert solcher Untersuchungen sei mal dahingestellt). Diese müsse man nun weiter untersuchen und kategorieren, gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zu treffen, damit das Kind nicht irre würde. Da, so mein Vater, sei ihm ein Licht aufgegangen, denn ich hätte mich in diesem Alter ganz genauso verhalten und mich habe man ja nicht untersucht und überhaupt nicht gefördert und gefordert. Natürlich, so die Selbstdiagnose, sei mein Vater selbst auch mit Hochbegabung geplagt und nun haben wir alle den Salat. Unser ausuferndes Interesse an ALLEM mache uns das Leben, das Pragmatismus und Stringenz verlange, zu einem geradezu undurchdringlichen Dschungel. Ständig werden Dinge angefangen und nicht zu Ende gebracht, weil immer irgendetwas interessanter ist. Wir hätten nicht gelernt, unsere Ressourcen und Interessen zu strukturieren und gezielt einzusetzen.
Auch wenn mich das ganze vielleicht beunruhigen sollte, bin ich meinem Vater dankbar, dass er sich nun ganz von selbst eine Ausrede für mein ewiges Studieren ausgedacht hat. Halleluja.

Was hilft mir mein Studieren
die Schulen absolvieren
bin doch ein Sklav, ein Knecht
ach Himmel, ist das recht?

Mountain Beach

Die Sonne strahlt warm vom wolkenfreien Himmel, da ziehe ich sanfte Schwünge über die saftigen grünen Wiesen, verlagere das Gewicht mit einer Drehung der Schulter. Das Snowboard ist nur ein großer Schuh, den ich mir mal links und mal rechts anziehe, während ich talwärts fließe. Mal wird es steiler, mal ganz flach und immer muss ich lachen und in die Kamera winken, die mich begleitet. Wir haben ihn hier: den freiesten Menschen der Welt! Kann im Sommer Snowboard auf einem Schuh fahren! „Ich weiß doch auch nicht.“, lache ich und hebe entschuldigend die Schultern. So viel Lachen überall.
Ich sehe eine Kuppel, da unten muss das Tal sein, so lang sind wir schon gefahren. Wahrscheinlich eine kleine Stadt, die mir erst später wieder einfällt. Noch einmal in die Kamera winken und drüber.
Die Kamera ist weg, das Team ist weg. Das Tal ist ein sehr breiter, aber sehr schmaler Strand, direkt an diesen Hügel grenzend. Das ist nicht überraschend. Ich sehe viele Menschen auf ihren Badetüchern sitzen, alle sind vergnügt und entspannt. Und ich sehe das weite Meer, das sehr dunkel ist, fast schwarz. Ich gleite noch immer auf den Strand zu. Ich möchte auch ins Meer – wann habe ich das zuletzt gesehen bei Sonnenschein und Wärme? An der Ostsee war es kalt und der Strand nicht so rot wie dieser hier. Portugiesisch roter Sand.
Eine Welle kommt auf den schmalen Strand zu. Sie ist höher als ein Haus. Sie ist eine Wand, sie bricht noch nicht einmal, sie hat keine Gicht, nichts schäumt. 20 Meter mindestens. Die Badenden und die Menschen am Strand sind überhaupt nicht schockiert. Wieso sind sie nicht schockiert? Ich bin im Wasser, ich bin direkt vor der Wasserwand, sie rast völlig lautlos heran. Ich presse Luft in meine Lunge, balle die Hände zur Faust, schließe die Augen und stelle mich ins Wasser. Ich durchbreche die Welle, sie reißt mich nicht mit, nach wenigen Sekunden ist mein Kopf wieder über Wasser. Entsetzt reiße ich den Kopf nach links, der Welle hinterher. Diese riesige Wand – ich sehe nichts als diese riesige Wand. Sie muss nur noch fünf Meter vom Strand entfernt sein, sie wird brechen, sie wird jedem Menschen hier die Knochen brechen. Den Kopf zerbrechen. Da trifft sie auf den Strand und knallt sie gegen den Hügel. Ich sehe einzelne Körper mit rudernden Armen. Ich stehe im Wasser, es dauert alles so lang. Das Wasser kommt zurück, Menschen tauchen neben mir auf. Ruder, ruder, ruder! Die Massen zerren uns aufs offene Meer.  Über mir stürzt aus dem Nichts eine neue Welle zusammen, schlägt mir fast den Kopf ab, ich überschlage mich, werde Richtung Strand katapultiert und klatsche auf den Hügel. Ich stehe. Ich stehe auf dem Hügel und unten sitzen die Menschen am Strand auf ihren Badetüchern als wäre nichts gewesen. Ich habe Todesangst und starre mit aufgerissenen Augen auf die See. Eine 20 Meter hohe Welle nach der anderen. Die Menschen werden davon weggespült, es entsteht ein kurzes Chaos, manche tauchen nie mehr auf und schon Sekunden später sitzen die meisten wieder vergnügt am Strand, bis zur nächsten Riesenwelle.
Mir ist schlecht, ich taumele auf dem Hügel rechts den Abhang herunter. Da sind zerklüftete Felsen am Ufer aus Lavagestein, höher als die Wellen. Ein riesiger natürlicher Hangar aus altem Lavagestein. Ich sehe, dass an der Front zum Meer eine riesige Glaswand angebracht ist. So hoch wie die Wellen. Sind die Wellen hier immer so hoch? Haben sie deshalb diese Wand – EIN UNGLAUBLICHER KNALL – die Welle ist gegen das Glas gerannt und zerfetzt. Wie kann Glas so etwas aushalten? Hinter der Wand, auf dem Sandboden in dieser Lavakathedrale sitzen die Menschen auf ihren Badetüchern und unterhalten sich. Sie können sich gar nicht unterhalten, sie schreien sich an, halten dem Gegenüber die halbe Herzschale der Hand ans Ohr und brüllen hinein. Überall nur Fetzen von Lauten und Lachen in der Luft, während die nächste Welle mit betäubender Wucht versucht das Glas zu zersprengen und uns alle zu töten.
Niemand hat Angst.
Mein Rucksack! Wo ist mein Rucksack? Mein Rucksack ist weg. Ich gerate in Panik, stürze durch den Sand. Da hinten muss er liegen, wo ist er, wo ist er?  Ich werfe andere Rucksäcke aus dem Weg, blicke mich um, mein Herz droht zu zerspringen. Ich renne um einen Felsen, ist er das? Ich zerre den halb versunkenen Rucksack aus dem Sand, reiße die Fächer auf. Es ist sicher alles geklaut, alle Dokumente, alle Dinge, die mir nicht gehören. Wieder knallt eine Welle hasserfüllt mit der Schulter voran gegen die Glaswand.
Mein Portmonee ist da! – Sicher leer, sicher alles gestohlen – ich reiße den Druckknopfverschluss auf und starre ins Geldfach. Dutzende 5 Euro Scheine und bunte Scheine, extra verpackt in durchsichtige Zip-Tüten. Das ist viel mehr Geld, viel mehr Geld als ich hatte. Wo kommt dieses scheiß Geld her? Was soll das hier? Ich blicke auf, ob mich jemand beobachtet. Alle vergnügt. Keiner starrt mich an. Sie müssen meinen Rucksack als Zwischenlager für ihre Taschendiebstähle genutzt haben, noch nutzen. Sie würden jeden Augenblick wiederkommen. Ich muss verschwinden.

Ich taumele durch den Schnee, eingemummelt in Lagen von Kleidung, ein dicker roter Schal schützt meinen Hals, ich trage große Ohrenwärmer, die aussehen wie Kaninchenfell, und die Kapuze der Winterjacke hängt tief in meinem Gesicht. Mein Sichtfeld ist eng, Schneeflocken verfangen sich in meinen Wimpern und Brauen, schmelzen und fallen als Tropfen auf meine Wangen. Es ist der zweite Advent, es schneit ununterbrochen. Himmel, Erde und Niederschlag haben die gleiche Farbe, beinahe white-out in der Großstadt. Auf meiner Kapuze sicher schon eine Mütze aus Schnee, ‚eine Schmütze‘, denke ich.

Ich habe kein Ziel und gehe durch den Park, gehe vom Weg ab, finde einen Verschlag, locker zusammengebaut aus dünnen Baumstämmen, ein Dach aus Reisig, das nicht dicht genug ist, dass nicht auch hier eine dünne Schicht aus Schnee den Boden bedeckt. Eine Nebenkammer bedeckt mit Stroh. Ich bin froh, dass niemand hier ist. Es scheint auch sonst nie jemand hier zu sein, keine Spur von Abfall und Unrat, nur ein paar Pfotenabdrücke – vielleicht der Fuchs?

Ich gehe weiter durchs weiße Nichts, durch die Au, laubloser Baum in lautlosem Rund; ich wünschte, ich könnte mich verirren. Schnee stobt auf vor meinen Stiefeln, in der Ferne Sirenen und die Rufe der Krähen. Hundertfach in den Wipfeln hocken sie, und schauen herab auf unsere Beerdigung. Die Stadt, der Sarg, und weiße Schneeblüten ganz still auf unser Grab.
Stell dir vor – in Uniform an einem solchen Tag, den schweren Rucksack auf den dürren Schultern, die Kleidung, die nass und schwer am Leib zerrt, die Ohmacht vor der Katastrophe, du willst nur schlafen, nur schlafen. So denke ich. Umherstreifen und nicht entdeckt werden. Seit wann schon werden Kriege auch im Winter geführt? Seit wann stehen sich die Feinde im Schnee gegenüber und donnern Geschütze durch den Wald, dass alles knallt und kracht? –

Waldende. Menschen, Straßen, Restaurants im Westen der Stadt. Ich trete ein und bestelle einen Schwarztee. Ging ich, weil ich wollte, oder damit ich mir etwas erzählen kann? Vor 500 Jahren ging keiner spazieren. Das ist keine menschliche Sache. Ich bin erschlagen von der Sinnlosigkeit meines Tuns. Nach dem Tee gehe ich wieder hinaus, es hält eine Straßenbahn, Linie 1 nach Mockau. Vor kurzem machten wir in Mockau Halt auf unserer Irrfahrt durch die Stadt, als wir 400 Pfanddosen loswerden wollten. Allesamt völlig verdreckt und zerknüllt – Festivalabfall.

Ich steige am Goerdelerring aus, ich möchte in die Thomaskirche. Ich möchte einfach da sitzen, in völliger Sinnlosigkeit, denn mich verbindet nichts mit der Religion außer die Faszination für die Gläubigen, von ihr fasziniert sein zu können. Oder doch etwas anderes? Ich suche Atmosphäre.
Thomaskirche. Hunderte Menschen strömen aus den Portalen; das Oratorium soeben beendet. Unmöglich, hineinzukommen, unmöglich. Nikolaikirche. Verrammelt.

Ich gehe zurück, es ist längst dunkel geworden. An der LVZ bekomme ich einen Kuss. Ein Kind springt im Weihnachtsbaum davor herum, bis der Wachmann kommt und schreit.

Ich versuche es gar nicht erst an der Peterskirche. Ich bin müde.

Was mir gerade einfiel…

Ich blättere in Clemens Meyers „Gewalten“ und erinnere mich an Zeiten, als ich regelmäßig und sehr viel schrieb und frage mich, warum es nicht mehr so ist. Oder warum ich vielmehr nur   nachdenke; und da fällt mir ein Gespräch mit F. ein, welche Worte wir noch nie benutzt haben. Das ist nicht leicht, über etwas nachzudenken, was nie war, versteht sich. „Gleichsam“ zum Beispiel. Im universitären Betrieb inflationär in Gebrauch,  ging es mir noch niemals über die Lippen. „Obgleich“ hingegen schrieb ich schon in der 8. Klasse in Aufsätze. „Scheusal“ gebrauche ich auch nicht. Aber ich drifte ab – hier liegt also „Gewalten“ und ich muss schmunzeln, wenn ich die Widmung lese, die darin steht. Wir haben Clemens Meyer am 20.7. im Flowerpower getroffen. Es war sehr spät und kaum jemand da, wir waren betrunken und wollten gerade gehen, da kommt CM rein und F. und er grüßen sich wie alte Freunde.  Chemie Leipzig verbindet, CM ist auch betrunken. F. holt seine beiden Bücher von ihm,er wohnt gleich neben der Bar und ich unterhalte mich derweil mit CM. Ein Pferd starb neulich auf der Rennbahn, es brach sich einfach das Bein im Wettlauf; das hing dann schlaff und krumm und gar nicht natürlich und glorreich an dem Gaul herunter, der sichtlich Schmerzen hatte. Ein furchtbarer Anblick müsse das gewesen sein. Ich erinnere mich gar nicht an alle Einzelheiten, die CM erzählte; mir fiel auf, dass er die meiste Zeit eine Hand am Ohr hat (den Grund las ich eben erst in jenem Buch, er hört nur auf einem Ohr), im ganzen eher fahrig und nervös wirkte, dennoch grundsympathisch – trotz dessen es ihm vielleicht doch etwas unangenehm war mit fremden Leuten zu sprechen. Ich mache das auch nicht gern, ich überwinde mich nur dazu. So wie man sich überwindet zu einer Veranstaltung zu gehen, obwohl man sich lieber zu Haus verkriechen würde; obwohl man weiß, dass die Veranstaltung gut und lustig wird und liebe Menschen dort sind.
CM wurde in der LVZ zititert zur Causa Pferd mit gebrochenem Bein. Das ist freilich gestorben, oder man gab ihm den Gnadenschuss oder spritzte es tot oder was auch immer. Und dann war die Besitzerin des Gauls sehr sauer auf CM, auch wenn CM das Zitat bestreitet. Das Pferd kannte ich nicht, aber die Besitzerin. Clemens Meyer und ich kennen uns also über ein totes Pferd.

Die Welt ist komisch.

S.

Und immer bist du mir / in meinem Kopf zuvor. / Und stehst schon dort / wo ich zu Ruhen ging, / und lächelst und transpirierst/ transluzente Worte- / wie eine Tagcloud / All die edlen weisen Worte/ vor dich hin.

Alles gegenwärtig. Oder?

Es ist so vieles passiert und ich habe so lang nicht geschrieben, dass es mir unmöglich scheint, diese Zettelwirtschaft an Ereignissen in irgendeine sinnvolle Ordnung zu bringen. Ich starre auf meinen Terminplaner, der zwar Daten in Erinnerung ruft und auf einem Zeitstrahl strukturiert, aber das Entscheidende bleibt wage: was habe ich erlebt?
Und gleich blitzt da die phänomenale Erkenntnis auf, wirklich und wahrhaftig gelebt zu haben. Hochs und Tiefs, die für drei Jahre reichen, fielen in drei Monate. Ich habe Erfahrungen gesammelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Seit Jahresbeginn ist alles so grenzüberschreitend (im wortwörtlichen wie übertragenen Sinne) und horizonterweiternd, dass ich endlich merke: es geht etwas vorwärts.
Die letzten durchweg hervorragenden Prüfungsnoten im Wahlbereich versichern mir, dass die Entscheidung, im Oktober nocheinmal grundständig Geschichte zu studieren, vollkommen richtig ist und ich bin nun in der Lage, mit den verschiedensten Bauwerkzeugen (bevorzugt schwer und laut) umzugehen.

[Ein Tag später]

Gestern hielt es mich nicht mehr. Ich besuche gerade über das „verlängerte“ Wochenende das Berchtesgadener Land und meine Mutter. Zwei Tage lang leistete ich ihr Gesellschaft und besah die Gipfel nur sehnsüchtig von unten. Letztes Jahr kam ich wegen all der Arbeit nicht ein einziges Mal ins Gebirge!
Nun wurde es Mittag und ich schnürte die Laufschuhe, stellte den MP3 Player auf Zufallswiedergabe und rannte los. Zunächst 10 km teilweise querfeldein zwischen Berchtesgaden und dem Königssee und schließlich musste eine neuerliche Eroberung stattfinden: einen Gipfel im wahrsten Sinne des Wortes stürmen. Schweiß, Sonne, beschwerliche Steigung. Nur ein Viertel des Weges (insgesamt 3 km und 700 positive Höhenmeter) konnte ich tatsächlich laufen, mehrheitlich musste ich gehen, da es einfach zu steil war. Doch was für eine Erfahrung! Nicht wie sonst mit Stöcken, Rucksack, Proviant, Wanderschuhen zu gehen – sondern einzig mit der Kraft, die in einem steckt, mit den Ressourcen, die einem von Haus aus zur Verfügung stehen. Und Wasser gibt es im Gebirgsbach.
Und oben angekommen: das Watzmannmassiv – schneebedeckt. Der riesige Königssee – nur eine Miniatur am Fuße des Berges. Dann lief ich über die Südseite wieder ab und musste mich fühlen wie in einer Outdoor-Werbung. Adrenalin, Lebensfreude, ein ungekanntes Gefühl von Freiheit. Spränge ich Fallschirm wäre da diese Einschränkung: es ist eine Gerätschaft, die dich trägt. Was trug mich hier? Nur ich!
Nach drei Stunden endete mein Abenteuer. Heute: Muskelkater und Stolz.

Die Eroberung

Als ich mit meinem Vater auf einem Feld vor den Toren meiner vogtländischen Heimatstadt halte, fragt er mich, was ich eigentlich für Gefühle habe, wenn ich an Reichenbach denke. Ich schweige lang und muss mich auskundschaften. Wenn etwas selbstverständlich ist, verliert man zuweilen den Bezug dazu. „Eine Mischung aus Ekel und Heimat.“, besseres weiß ich nicht zu antworten. Und selbst das ist gelogen.
Da ich meine Lebenszeit relativ gleich verteilt an drei verschiedenen Orten verbringe (Reichenbach, Leipzig, Berchtesgaden), gibt es für mich keine echte Heimat, sondern nur Menschen, die mir an den jeweiligen Orten wichtig sind. Den drei Plätzen selbst kann man leicht Positives abgewinnen; in Jena fiel mir das bedeutend schwerer (bzw. gelang es mir nicht, aber dort waren auch keine Menschen).
Ich fühle mich sofort dann heimisch, wenn ich eine Stadt erobern kann, sie mir aneignen – und das allein dadurch, sie zu durchstreifen. Ohne Zeitdruck und Zwang sich einfach treiben lassen.

Was ist nun der nächste Schritt? Im Zauberberg steht, dass sich mit einer Reise nicht nur die reine Distanz zwischen zwei Orte legt, sondern sich Welten auftun, man sich gänzlich der Heimat entfernen und entfremden kann. Wie wäre es, diese Distanzen auch physisch erfahrbar zu machen? Indem man nicht das Auto oder den Zug nimmt, sondern zu Fuß geht? Das Rad benutzt?
Ich habe mir vorgenommen, die Strecke zwischen dem Vogtland und Leipzig nur noch radfahrend zurückzulegen. Dann verschmelzen die Orte meines Lebens nicht nur in meiner emotionalen Verfasstheit, sondern auch ganz und gar im Raum. Es wäre kein Schnitt mehr: an einem Ort in den Zug steigen, sich transportieren lassen (und daherträumen), am anderen Ort aussteigen.
Wieso nicht jede Distanz mit reiner Muskelkraft zurücklegen? Spätestens dann ist ALLES Heimat.
Schon jetzt schrumpfen in meiner Vorstellung und meinem tatsächlichen Erleben die Distanzen zusammen. 17 km? Sind mit den Füßen problem- und schmerzlos in weniger als zwei Stunden zurückgelegt. Radfahren zum Schwarzen Meer? Gern!
Es ist alles so simpel, es ist alles eroberbar. Europa in seiner kauzigen Traditionsvielfalt erscheint wie ein Süßwarengeschäft, aus dem man sich nur bedienen muss.
Dann bleibt statt Heimat nur ein Startpunkt, an dem man die Distanzen misst, die einen nicht nur weit weg, sondern vor allen Dingen voran bringen.